Testbericht Ray 7.7 von und mit Guido Glutschitsch

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Früher hab ich immer gedacht, „die Spanier haben’s schon
gut“. Vor allem, wenn ich im Winter dort war und sie mit
ihren Rollern durch die Stadt fetzen gesehen hab. Bei uns
fürchtest dich, dass hinter jedem Hauseck ein Eisbär wartet,
um dich mit einem Eiszapfen niederzustrecken, und da unten fahren sie bei 15, 20 Grädern den ganzen Winter durch.
Zugegeben, der gewöhnliche Spanier ist dabei dicker eingepackt als unsereins bei einer mehrtägigen Wanderung durch Sibirien.

 

Andererseits braucht meine Frau nicht einmal einen Roller, um bei 15 Grad den
Erfrierungstod zu fürchten.
Jedenfalls hab ich Vollidiot irgendwann angefangen, am liebsten im Schnee
Motorrad zu fahren. Mit der Trial bin ich über beide Radln gerutscht, mit
der Enduro hab ich mich bei Viertelmeilenrennen über vereiste Skipisten
blamiert und am Weg ins Büro oder retour war ich mir manchmal nicht
mehr sicher, ob ich je wieder im Stehen werde pinkeln können, ohne dabei
in Gummistiefeln zu stehen. Aber damals ist mir eines aufgefallen.
Nämlich, wenn du nur dann Motorrad fährst, wenn Schnee liegt, bräuchtest nicht jedes Jahr zum Tanken fahren. Oder anders gesagt, auf einmal fiel
mir auf, wie harmlos die meisten Wintertage bei uns sind. Der Jessner ist
unlängst auch just an dem Tag mit seiner neuen Himalayan raus, als ein
Batzerl Schnee gelegen ist, hat ein Foto gemacht, in der Hoffnung, dass
alle in ihm den neuen Evel Knievel sehen. Dabei ist er doch mehr Knef als
Knievel, also mehr Diva als Devil. Aber das ist ein anderes Thema. Unseres
ist, dass es die Spanier schon gut haben. Auch, weil sie keinen Jessner, aber
dafür den Ray haben.


Der Ray, das ist ein junger, kräftiger und fescher Kampel. Gut, er zieht keck
ein Schnoferl und die Äugln stehen ein bisserl weit zsamm. Das tut seinem
Reiz aber keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Verwegen schaut er aus, der Ray. Und das ist er auch, obwohl er mit Nachnamen nicht 007, sondern 7.7 heißt.
Keine Ahnung, wie man das auf Spanisch sagt.
Ja, der Ray ist der Roller, den Sie hier rundherum
auf den Bildern sehen, und 7.7 gibt seine Kapazität
in Kilowattstunden an. Er ist also ein Elektroroller.
Aber he, nicht gleich umblättern, nein, der ist kein
Graffel. Der ist gut. Der ist sogar sehr gut.
Eigentlich könnte er auch 8.8 heißen, weil die Bruttokapazität der Lithium-Ionen-Batterien bei 8,78 Kilowattstunden liegt. Aber nein, Ray gibt sich bescheiden und seine Nettokapazität an.
Die langt für gut150 Kilometer Reichweite im Alltag. Aber das ist
noch gar nicht das wirklich Spannende.
Da wäre zum Beispiel, dass dieser Roller nicht bis
30 km/h beschleunigt, als wäre er eine Rakete, bis
50, als wäre ein gepimptes E-Fahrrad, und danach,
als wären zur Zeitmessung nur Kalender erlaubt.
Nein, dieser spanische Neuzugang zieht bis zu seiner
Spitzengeschwindigkeit von 125 Stundenkilometern
ziemlich gleichmäßig an. Allein diese Abstimmung
muss ewig gedauert haben, denn sonst könnten das
ja inzwischen alle, oder?
Damit ich den Zahlenfüchsen das ein bisserl unterleg: 10,7 kW Dauernennleistung, die Maximalleistung liegt gar bei 17,5 kW – umgerechnet
in Badewannen sind das 23 PS, bei einem Roller, den man mit dem
A1-Schein fahren darf. Und, nein, er ist nicht schwer zu fahren.
Vorn ist nämlich ein 120er-Radl montiert, hinten ein 140er. Ray hat
drei Fahrmodi, wobei man wirklich mit den milderen anfangen sollte, so
zum Eingewöhnen. Die 60 Newtonmeter Drehmoment zieren sich beim
Gasgeben nämlich nicht, bis sie alle aus der Hängematte draußen sind –
die tanzen alle auf einmal an. Was dann heißt, dass sich dieses 125erÄquivalent halt viel mehr wie eine 300er fährt. Und das ist immer noch
nicht das Beste an dem Ray 7.7.
„Jedes dritte Moped, das inzwischen in Österreich verkauft wird, ist batterie elektrisch angetrieben“, erzählt mir Hanno Voglsam von Vertical. „Bei Zweirädern mit mehr Leistung sind es acht Prozent.“
Und dieser Unterschied hatihm keine Ruh gelassen. Erst als er den Ray 7.7 kennenlernte, verstand er,
warum das so ist und warum der Ray das alles ändern könnte.
Die Sache ist nämlich die, dass man die Akkus von einem Moped noch
relativ einfach von der Straße über d’ Stiegen rauf in die Wohnung zahn
und dort laden kann. Bei größeren Geräten brauchst a Leiterwagl, an
Gabelstapler oder Ärmel, dick wie Kanalrohre. Beim Ray ist das alles kein
Thema. Der hat nämlich einen Stecker, wie man ihn an jeder Schnellladesäule braucht.
Und Ladesäulen gibt es inzwischen ja so gut wie überall in
der Stadt. Mit dem optionalen Schnelllader ist der Ray übrigens in unter
zwei Stunden zu 80 Prozent voll, mit 1,8 kW geladen dauert einmal vollmachen 4 Stunden und 20 Minuten.
Und was kostet der Roller jetzt? Ich kann es Ihnen im Moment noch nicht
verraten. Hanno Voglsam ist mit Vertical drauf und dran, die Rays nach
Österreich zu importieren, steckt zu Redaktionsschluss aber noch mitten
in den Preisverhandlungen. Seine Ziele sind ambitioniert, so viel kann ich
verraten. In wenigen Wochen werden wir aber schon eine Preisliste in der
Hand halten können, ist Hanno überzeugt.
Und wenn der Hanno dann mit ihnen fertig ist, haben es die Spanier gar
nicht mehr so viel besser als wir